Esoterik - Mystik - Spiritualität und Übernatürliches

Geschichte der Esoterik ( Epoche: Frühe Neuzeit)


Der Versuch, die Geschichte der Esoterik in der als Frühe Neuzeit bekannten Epoche nachzuzeichnen, wirft das Problem der zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Abgrenzung auf. Denn hierfür existieren recht unterschiedliche Interpretationsansätze. Aus pragmatischen Erwägungen wird hier unter "Esoterik" jegliche Form von Geheimlehre mit spirituellen oder okkulten Anklängen verstanden. Als "Frühe Neuzeit" gilt in folgender Darstellung insbesondere das 16. und 17. Jahrhundert mit Eingrenzung auf Europa. Durch Aufklärung und Frühindustrialisierung fand diese Epoche im 18. Jahrhundert langsam ihr Ende und dämmerte mit dem Ausklang des Spätmittelalters im 15. Jahrhundert herauf. Als Byzanz (heute Istanbul) im Jahre 1453 von den Moslems erobert wurde, flohen viele Gelehrte samt ihrer Bücher in den Westen. Viele antike Autoren wurden so im Abendland erstmals im Original zugänglich, was der Renaissance (Rückbesinnung auf die Antike) großen Auftrieb verlieh. Mit der Erfindung eines Gießverfahrens für bewegliche Einzelbuchstaben (Lettern) aus Metall durch Johannes zu Gutenberg fand ungefähr zeitgleich (Mitte 15. Jh.) eine Revolution in der Buchdruckerkunst statt. Dies ermöglichte es den neuentdeckten Schriften rasch, eine große Verbreitung zu finden. Dadurch konnten nun erstmals in der nachantiken Geschichte auch verstärkt esoterische Werke des klassischen Altertums rezipiert werden.

Corpus Hermeticum:

In Mazedonien wurde im Jahre 1463 das "Corpus Hermeticum" wiederentdeckt. Dabei handelte es sich um eine Schriftensammlung, die der Feder des Magiers (bzw. Gottes) Hermes Trismegistos entstammen soll. Das Werk gelangte nach Florenz in den Besitz von Cosimo de Medici, der eine Übertragung ins Lateinische in Auftrag gab. Diese fand, nach ihrem Erscheinen 1471, große Beachtung; denn der Inhalt des Werkes schien, älter zu sein, als die antike Philosophie, ja sogar älter als die Bücher Moses aus dem Alten Testament. Das "Corpus Hermeticum" wurde daher als eine Art philosophische Urschrift angesehen und fand weite Verbreitung. Erst 1614 konnte durch Isaac Casaubon das Werk eindeutig in nachchristliche Zeit datiert werden.

Kabbala:

Neben den wiederentdeckten Schriften der Antike fand auch die Buchstaben- und Zahlenmystik der jüdischen Kabbala vermehrt Beachtung. Ihre Methodik wurde nun ergänzend bei der Auslegung religiöser Texte des Christentums herangezogen. Zu nennen sind hierbei insbesondere Johannes Reuchlin (1455-1522), Pico della Mirandola (1463-1494) sowie Guillaume Postel (1510-1581).

Astrologie:

Abseits der Theologie kam im Adel die Mode auf, sich astrologische Horoskope erstellen zu lassen. Zu diesem Zwecke wurden teilweise auch Hofastrologen eingestellt. Bis heute berühmt ist das Horoskop, das sich der Feldherr Albrecht von Wallenstein durch Johannes Kepler (1571-1630) anfertigen ließ. Auch andere bedeutsame Astronomen wie Nikolaus Kopernikus (1473-1543) und Galileo Galilei (1564-1642) befassten sich mit Astrologie.

Alchemie:

In einigen Adelskreisen wurde auch die Alchemie befördert. Neben der Suche nach dem "Stein der Weisen", dem man heilende und verjüngende Wirkung zusprach, versuchte man insbesondere, Blei in Gold zu verwandeln. Die zu diesem Zwecke durchgeführten Experimente waren so kostspielig, dass sie einige Edelleute in den Ruin trieben.

Hexerei:

Kirche, Adel und einfaches Volk verband die Furcht vor Hexen, denn in die Frühe Neuzeit fiel auch der Höhepunkt der Hexenverfolgung. Die Existenz einer "Hexensekte" war allerdings wohl nur ein zeitgenössisches Hirngespinst. Ebenso scheinen viele neuzeitliche Interpretationen des Phänomens, wie der Kampf gegen "Weise Frauen" (sei es als heidnische Priesterinnen oder Volksheilkundige) verfehlt zu sein. Vielmehr dürften sich Krisenerfahrungen (Krieg, Seuchen, Missernten) und die Suche nach einem Sündenbock zu einer Massenhysterie aufgeschaukelt haben.

Rosenkreuzer:

Eine weitere imaginierte Geheimgesellschaft waren die Rosenkreuzer. Ihre Lehre geht auf die sagenhafte Figur des Christian Rosencreutz (angeblich 1378-1484) zurück und wurde in einigen anonymen Schriften zwischen 1614-1616 veröffentlicht. Darin werden verschiedene esoterischen Strömungen vermischt und eine "Generalreformation" der Welt erstrebt, d.h. im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich. Die Schriften fanden großen Widerhall, sowohl zustimmender als auch ablehnender Natur. Vermutlich bestand diese Geheimgesellschaft trotz umfangreichen Schrifttums jedoch nur aus einigen Personen aus dem Umfeld der Tübinger Universität. Erst in späteren Jahrhunderten bildeten sich größere Logen und revitalisierten die alten Ideen.

Paracelsus:

Neben Sagengestalten wie Rosencreutz prägten auch historisch verbürgte Personen die Esoterik der Frühen Neuzeit mit neuen Anschauungen. Insbesondere der Arzt und Naturforscher Theophrastus von Hohenheim (1493-1541), der sich in humanistischer Tradition latinisiert "Paracelsus" nannte. Ausser wegweisenden Werken zur Medizin verfasste er ebenso Schriften über Elementargeister. Zudem berücksichtigte er bei seinen Therapien auch die alchemistischen sowie astrologischen Glaubensvorstellungen seiner Zeit.

Agrippa von Nettesheim und Giordano Bruno:

Eine weitere einflussreiche Persönlichkeit für die Geschichte der frühneuzeitlichen Esoterik war die faustische Gestalt des Agrippa von Nettesheim (1486-1535). Er schuf eine Lehre aus hermetischen, neuplatonischen und kabbalistischen Versatzstücken. Zudem ergänzte er die vier klassischen Elemente (Erde, Feuer, Luft & Wasser) um eine "Fünfte Essenz" - die bis heute sprichwörtliche "Quintessenz". Sehr deutlich wird das Wissenschaftsverständnis der Esoteriker dieser Epoche beim italienischen Philosophen Giordano Bruno (1548-1600, als Ketzer verbrannt). Er erweiterte die Weltbildlehre des Kopernikus und hielt magische Forschung für vereinbar mit der gerade entstehenden Naturwissenschaft auf empirischer Basis. So flossen auch bei anderen Zeitgenossen Magie und Wissenschaft, Alchemie und Chemie, Astrologie und Astronomie in verschieden starkem Maß ineinander.

Theosophie:

In Anlehnung an die unmittelbare Gotteserfahrung der mittelalterlichen Mystik und den direkten Gotteszugang im Gebet seit der lutherische Reformation entwickelte sich die Theosophie (gr. Gottesweisheit). Wegbereiter war der Schuster Jakob Böhme (1575-1624), dessen trotz eines Veröffentlichungsverbotes in Schriften niedergelegte Visionen einen Mystizismus auf protestantischer Grundlage förderten. Später lehrte dann der schwedische Naturwissenschaftler Emanuel Swedenborg (1688-1772) einen organischen und mechanischen Zusammenhang aller Dinge. Auch er erlangte seine Anschauungen durch visionäre Offenbarung. Gegen ihn und seine Anhänger (Swedenborgianer) wandte sich der bedeutende Aufklärer Immanuel Kant (1724-1804) in seiner Schrift "Träume eines Geistersehers" (1766). Gleichwohl fand die Theosophie weiterhin Zulauf und erhielt im 19. Jahrhundert neue Impulse durch Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891).